FASD inside
Heute erlebt…
Timmy (9) und Leon (16)

Der schönste Abend
Mama, heute ist der schönste Abend meines Lebens!
Wieso das denn?
Na, es ist so schönes Wetter, ich konnte Fahrrad fahren und ich habe alle Matheaufgaben allein geschafft. Ich bin sooo froh!
…Wochen ohne Hausaufgaben bescheren uns ein sehr entspanntes Kind. Verhalten sehr gut, Aggression niedrig, Kooperation unproblematisch.
Wenn die Lehrer wüssten, was Entlastung für uns ausmacht… würden sie vielleicht den Sinn von Hausaufgaben nochmal anders einschätzen.

Bus fahren
Schuljahr 1 bis 6: Mama fährt.
Schuljahr 7 bis 10: Fahrdienst fährt.
Und nun? Wir versuchen es mit dem Busfahren. Nicht so leicht in einer strukturschwachen Gegend…
Leon fährt mit 5 Euro in der Tasche in die Stadt und geht zum Friseur. Dann kommt der Anruf: Mama, kannst du mich abholen?
Wieso?
Ich habe kein Geld mehr für die Rückfahrt.
Du hast doch deinen Schwer-in-Ordnung-Ausweis. Damit kannst du kostenlos fahren.
Nee, das mag ich nicht.
Abholen oder nicht? Wie hätten Sie entschieden?

Wie man ein neurodivergentes Kind führen kann
Timmy hat Förderschwerpunkt Sozial-Emotionale Entwicklung zuerkannt bekommen. Er geht schon in die 3. Klasse. Nun soll es also ein Schulbegleiter sein.
Erste Reaktion: Niemals! Wenn der kommt, dann hau ich ihm gleich eine rein.
Mama: Okay, dann frage ich dich später nochmal.
Die Beantragungszeit mit Papieren, Telefonaten usw. vergeht.
Mama: Hast du nochmal über den Schulbegleiter nachgedacht?
Timmy: Also, ich mach das nur, wenn es ein Mann ist!
Mama: Okay, da kann ich mich drum kümmern.
Wieder vergehen zwei Wochen. Nun ist tatsächlich ein junger Mann gefunden, in der Schule gab es schon erste Absprachen und nun soll es ein Kennenlernen geben.
Timmy ist übel, er ist sehr aufgeregt, kann in der Schule nicht mitarbeiten. Er sagt zur Lehrerin: Wenn du wüsstest, was alles in meinem Kopf drin ist, würdest du nicht erwarten, dass ich den Test mitschreibe.
Sie reagiert gelassen. Sie kennt ihn und ahnt, was alles in seinem Kopf drin ist. Der Test bleibt unerledigt…
Das Kennenlernen findet auf einem Spielplatz statt. Timmy nähert sich vorsichtig an, geht wieder auf Distanz, kommt wieder näher… Nach einer Stunde ruft er über den ganzen Platz: Kannst du mal herkommen? Ich will dir was sagen!
Jetzt haben wir´s. Und am Montag gehts los!
Im Auto sagt Timmy: Mama, ich freu mich schon auf Montag!
ich bin auch froh.

Tun oder lassen
Freie Tage sind mit FASD-Kindern eine große Herausforderung. es gibt nicht die gewohnte Struktur, vielleicht gibt es ganz andere Pläne und Abläufe, Besuch oder Reisen…
Alles ist sehr verwirrend.
Die Jungs kennen die Uhr nicht recht, können lange und kurze Zeiten nicht einschätzen, halten Verabredungen nicht ein. Ärger liegt in der Luft.
Was nun kommen muss, ist Regulation. Entschleunigung. Kein Kinderfest heute, keine Fahrrad-demo mit uns. Eier holen bei der Nachbarin und ein Keks bei Oma nebenan sind genug Programm.
Ansonsten wird gemalt, gelesen, Fußball auf der Wiese gespielt, evtl. gibt es einen Film (bei schlechtem Wetter). Oder wir gehen in den Wald, an den Strand (glücklicher-weise wohnen wir an der See).
Und das ist genug. Schränkt das unser Familienleben ein? Ja. Aber: Wir haben eh nur Spaß, wenn die Kids im Frieden sind. Also entschleunigen wir alle. Das ist nicht wirklich schlimm.
